Hilfe annehmen

Unterstützung, die passt

Was, wenn Eltern plötzlich Unterstützung benötigen? Wie wir ältere Menschen im Alltag begleiten können und wie Hilfe annehmen gelingen kann.
Eine Freiwillige hilft einer Seniorin beim Einrichten des Rotkreuz-Notrufs.

Täglich wenden sich ältere Menschen oder ihre Angehörigen, die sich Sorgen machen, an uns. Tanja Maletic, Verantwortliche für das Rotkreuz-Angebot Situationsabklärung, und Nadja Marugg, Leiterin Unterstützung im Alltag, beantworten Fragen über die Herausforderungen, wenn im Alter plötzlich Unterstützung nötig wird oder Einsamkeit droht.

Was beschäftigt Menschen im hohen Alter? 

Tanja Maletic: Uns ist in jungen Jahren oft gar nicht bewusst, wie klein das Umfeld im Alter werden kann. Je älter eine Person wird, desto weniger Bezugspersonen hat sie. Oft sind Freundinnen und Freunde aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mobil oder können von schweren Krankheiten wie Demenz oder Krebs betroffen sein. Das ist belastend. Ein grosser Einschnitt ist es auch, den Führerschein abzugeben. Generell sind Einsamkeit und die Einschränkung der Mobilität grosse Themen. 

Viele ältere Menschen möchten niemandem «zur Last fallen». Wie können Angehörige und Fachpersonen dieses sensible Thema ansprechen? 

Tanja Maletic: Es ist ein Teil des Lebenszyklus, dass Menschen im hohen Alter oft mehr Hilfe brauchen und weniger geben können. Darüber zu sprechen, kann enttabuisieren. Jede und jeder muss früher oder später Hilfe annehmen. Je eher man sich damit auseinandersetzt, desto einfacher wird es. Ich empfehle, frühzeitig darüber zu sprechen und zu ermuntern, punktuell Hilfe anzunehmen oder Alternativen auszuprobieren. Zum Beispiel, auch die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen oder einmal ein Taxi oder einen Fahrdienst zu nehmen. Und zwar schon lange bevor es so weit ist, dass der Führerschein abgegeben werden muss. 

Die Bevölkerung wird älter. Was heisst das fürs Rote Kreuz und seine Angebote? 

Nadja Marugg: Dies ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance. Viele Menschen sind heute mit 65 noch fit und verfügen über wertvolle Erfahrungen und Ressourcen, die wir auch als Gesellschaft nutzen und so zusammenrücken können. Ein grosser Teil unserer freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer im Rotkreuz-Fahrdienst beispielsweise ist pensioniert. Die Freiwilligen ermöglichen anderen Menschen Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe. Ihr Engagement erleben sie oft als sehr sinnstiftend. Diese Möglichkeiten zu sehen und gemeinsam mit interessierten Menschen etwas für die Gesellschaft zu tun, sehe ich als eine unserer Aufgaben. 

Was raten Sie Angehörigen wie zum Beispiel erwachsenen Söhnen und Töchtern, die sich Sorgen um ihre betagten Eltern machen? 

Tanja Maletic: Sich für deren Alltag zu interessieren und konkret nachzufragen: Was hast du heute gemacht? Oft ist es erschreckend, wie viel Zeit ältere Personen allein verbringen. Ein guter Weg ist es, gemeinsam Angebote der Gemeinde oder der Fachstelle für das Alter anzuschauen. Die Lebensqualität nimmt wieder zu, wenn zum Beispiel ein Besuchsdienst oder Kontakte in der Nachbarschaft aufgebaut werden können. Oft sind die erwachsenen Söhne, Töchter sowie Enkelinnen und Enkel berufstätig und haben nicht viel Freizeit. Ich empfehle, in der einem zur Verfügung stehenden Zeit etwas zusammen zu unternehmen. Das ist oft wertvoller, als nur zu Besuch zu kommen.

Wie muss sich die Unterstützung für ältere Menschen in Zukunft weiterentwickeln? 

Nadja Marugg: Grundsätzlich sollten vielfältige Unterstützungsangebote ein tragfähiges Netzwerk bilden. Der Bedarf an Unterstützung im Bereich Betreuung und Begleitung ist so individuell wie die Lebenssituationen älterer Menschen es sind. Die verschiedenen Möglichkeiten aus Nachbarschaft, freiwilligem Engagement, sozialen Angeboten bis zu professioneller Pflege sollten sich ergänzen und die einzelnen Bedürfnisse abdecken. Für viele Betroffene und ihre Angehörigen ist es jedoch eine Herausforderung, sich in der Vielfalt der Angebote zurechtzufinden. Mit dieser Perspektive hat das SRK das Angebot der Situationsabklärung entwickelt, um Betroffenen und Angehörigen einen möglichst einfachen Zugang zu passenden Unterstützungsangeboten in ihrer Nähe zu ermöglichen. Für eine Beratung muss nicht bereits eine grosse Notlage bestehen. Es können sich ältere Menschen, aber auch Angehörige schon melden, wenn eine gewisse Unsicherheit besteht und die Frage auftaucht, welche Möglichkeiten zur Unterstützung es gibt.

Woran erkennen Angehörige, dass eine nahestehende Person zunehmend Unterstützung benötigt? Gibt es typische Warnsignale? 

Tanja Maletic: Zum Beispiel, dass die Person nicht mehr genug isst und abnimmt. Oder dass sie sich etwas zurückzieht, nicht mehr so sozial verbunden ist, Körperpflege vernachlässigt oder sehr viel TV schaut. 

Wie gelingt es, die passende Hilfe anzunehmen? 

Nadja Marugg: Oft stellen zuerst die Angehörigen einen Unterstützungsbedarf fest. Für betroffene Menschen ist dies oft eine Herausforderung. Hilfsangebote können nur dort unterstützen, wo Unterstützung auch angenommen wird. Entscheidend ist deshalb, die Selbstbestimmung zu akzeptieren und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Dabei hilft es, den konkreten Nutzen passender Angebote aufzuzeigen. Als Beispiel der SRK-Notruf: Bei einem Sturz wird durch Knopfdruck Hilfe organisiert. Oder der Fahrdienst für medizinische Termine: Angehörige können damit entlastet werden und haben so mehr Ressourcen für einen Spaziergang oder ein gemeinsames Mittagessen.

Tanja Maletic: Hilfe anzunehmen, muss geübt werden. In kleinen Schritten gelingt es am besten, positive Erfahrungen zu sammeln. Zum Beispiel, dass die Spitex jeden Tag für die Augentropfen vorbeikommt und der Fahrdienst die Fahrten zu den Hausarztterminen übernimmt. Es sind oft die kleinen Schritte, die es später ermöglichen, offen zu sein für mehr Unterstützung durch die Spitex oder zum Beispiel einen Mahlzeitendienst. Ich rate Betroffenen und Angehörigen, diese kleinen Schritte wertzuschätzen und bewusst wahrzunehmen. Zudem kann ein Rat von ausserhalb manchmal besser angenommen werden. Und auch wenn etwas zuerst nicht klappt, ist es wichtig, einen zweiten Anlauf zu nehmen und es nochmals zu probieren. Es ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht.